Viele Menschen kennen das: Man hat gerade die Wohnung verlassen und schon kommt der Gedanke „Hab ich die Tür wirklich abgeschlossen?“ Oder „Habe ich den Herd ausgeschaltet?“ „Ist die Kerze aus?“ Zwänge können in „leichterer Form“ auch Folgendes meinen: Beim Treppensteigen nur bestimmte Stufen nehmen; Nicht auf eine bestimmte Stelle auf dem Boden oder den Fleck treten; Das Auto „tätscheln“ oder „streicheln“ beim Aussteigen. Abergläubisches Verhalten, „Marotten“ oder auch „Tics“ im Volksmund genannt.
Ähnliche Phänomene treten bei manchen Menschen nun allerdings derart intensiv und heftig auf, dass die Betroffenen darunter leiden und sich gegen die Gedanken, Gefühle oder Handlungsimpulse zu wehren beginnen. Sie werden dabei von den Betroffenen selbst als belastend und unsinnig empfunden, können aber nicht unterdrückt werden, auch wenn Widerstand gegen sie geleistet wird. Die Betroffenen spüren dann immer wieder den Zwang, bestimmte Handlungen auszuführen (z.B. die Tür oder den Herd kontrollieren) oder leiden an aufdringlichen Gedanken (z.B. an Unfälle mit den entsprechenden „Horrorbildern“ im Kopf).
Ein typisches Beispiel für Zwangsgedanken ist der Gedanke, man könne jemand anderen (unbeabsichtigt) verletzen oder schädigen. So kommen immer wieder junge Mütter in die Praxis, die nach der Geburt ihres ersten Kindes plötzlich den Gedanken haben, sie könnten möglicherweise ihr Kind töten oder verletzen. Spüren die betroffenen Frauen dabei sogar den Impuls, ein entsprechendes Verhalten zu zeigen, erschrecken sie oft sehr über sich selbst.
Verständlicherweise ist es schwer, sich anderen anzuvertrauen und über die Gedanken und Gefühle zu sprechen. Zu groß ist das Schamgefühl und die Sorge, falsch
verstanden zu werden. Dabei sind es oft gerade sehr friedliebende Menschen, die von solchen aggressiven Zwangsgedanken geplagt werden.
Es existiert eine große Zahl verschiedener Formen von Zwängen, der Waschzwang oder Kontrollzwang sind vermutlich nur die Bekanntesten. Zwänge können sich auch als zwanghaftes Zweifeln, ein quälendes
Gefühl von „etwas ist nicht so wie es sein sollte“ äußern. Die Betroffenen erleben oftmals konkret die Angst und Sorge (z.B. es könnte etwas Schlimmes passieren). Manchmal kann allerdings gar kein
Gefühl benannt werden, erlebt wird vielmehr eine quälende Anspannung oder auch körperliche Symptome wie Übelkeit, Würgereiz, Kopf- oder Rückenschmerzen usw.
Oft engen die Zwänge das Leben der Betroffenen erheblich ein, man kann das Haus nicht mehr verlassen, vermeidet soziale Kontakte, „schmutzige Orte“ wie Bus oder Bahn usw. In der Folge entstehen dann leider nicht selten weitere Probleme, vor allem Depressionen.
Eine Behandlung von Zwängen kombiniert meist mehrere Komponenten: In der Psychotherapie lernen die Betroffenen die Ursachen und „Funktionen“ ihrer Erkrankung und
Methoden, um die Zwänge überwinden zu können. Hierzu gehören neben der Arbeit mit Expositionen d.h. Konfrontationsübungen auch Übungen zum Umgang mit Wut, Ärger, Scham und anderen Gefühlen oder ein
Training sozialer Kompetenzen (z.B. „Nein sagen“, „Ärger mitteilen“). Die Kombination der Psychotherapie mit einer medikamentösen Behandlung z.B. mit Antidepressiva stellt eine zusätzliche Option
dar.